Montag, März 27, 2006

::Brasilien baut Taxonomie und Biodiversitätsforschung aus::

Fabian Haas, Curitiba, Parana, Brasilien

Brasilien ist 14 Jahre nach der Verabschiedung der Biodiversitätskovention (CBD, auch als „Rio Konvention zur Biodiversität“ oder „Rio Umweltgipfel“ bekannt) vom 21-30 März 2006 wieder Gastgeber der CBD. Anlässlich der in Curitiba, der Hauptstadt des Bundesstaates Paranas, stattfindenden 8. Vertragsstaatenkonferenz der CBD stellten hochrangige Vertreter der brasilianischen Forschungs- und Umweltpolitik, eine neue Strategie für die Biodiversitätsforschung des größten südamerikanischen Landes vor.

Teil dieser Forschungsstrategie ist ein Ausbildungsprogramm und Stipendienprogramm für Studenten der Biologie, mit dessen Hilfe die Zahl der qualifizierten Taxonomen erhöht und an die enorme Biodiversität des Landes wenigstens annährend angepasst werden soll. Derzeit umfasst die Liste bekannter Organismen Brasiliens nur 20.000 Arten, zum Vergleich: aus Deutschland und Italien sind jeweils rund 50.000 Arten bekannt. Auch ohne Biologiestudium ist offensichtlich, das diese Zahl kaum der Wirklichkeit entsprechen kann. Die sehr unterschiedlichen geographischen und klimatischen Bedingungen innerhalb des einzigen portugiesisch sprechenden Staates Lateinamerikas bieten Raum für wenigstens die zehnfache Anzahl an Arten!

Als weiterer Schritt in der Erfassung dieser enormen Artenfülle dient ein national einheitlicher Standard bei der Erfassung und Digitalisierung der biologischen Sammlungen, die dann für jeden brasilianischen Wissenschaftler und der internationalen Öffentlichkeit, nach dem Vorbild von GBIF, via Internet zugänglich sein werden. Dies ist das erste Mal in der Geschichte der Biodiversitätsforschung, dass die Bestände naturkundlicher Sammlungen eines gesamten Staates derart systematisch erschlossen und digitalisiert werden.

Taxonomische Forschung benötigt aber nicht nur Informationen aus den naturkundlichen Sammlungen, sondern verfügt durch eine über 250 Jährige Arbeit über einen enormen Bestand an wissenschaftlicher Literatur, der für die aktuelle Biodiversitätsforschung immer noch relevant ist. Daher unternimmt Brasilien, genauer die Forschungsförderung des Landes Sao Paulo, Anstrengungen um klassische Werke online verfügbar zu machen. Auf dem eigens eingerichteten Stand wurde auf der 8.VSK die ‚Flora brasiliensis’, einem maßgeblichen Werk aus dem 19. Jh. der Öffentlichkeit vorgestellt. Nun sind Texte und Abbildungen der ‚Flora brasiliensis’ für jeden Wissenschaftler und jeden Interessierten 24 Std am Tag einsehbar. Ein ganz enormer Fortschritt, denn dieses seltene und kostbare Werk liegt nur in wenigen Bibliotheken überhaupt vor. Ganz und gar ausgeschlossen war bisher dieses Werk auf Expeditionen mitzunehmen und vor Ort damit zu arbeiten. Durch Ausdrucke der Tafeln, die in beliebiger Anzahl und kostengünstig immer wieder hergestellt werden können, eröffnen hier ganz neue Möglichkeiten und Anwendungen!

Brasilien unternimmt damit enorme Anstrengungen, um seine Biodiversität zu inventarisieren und öffentlich zugänglich zu machen, ganz so wie es im Arbeitsprogramm der Globalen Taxonomie Initiative von der internationalen Staatengemeinschaft angestrebt wird und ist damit beispielgebend nicht nur für lateinamerikanische Staaten.

Diese Initiativen im Bereich der Taxonomie sind kein Selbstzweck um einige Forscher und Institutionen glücklich zu stimmen. Ganz im Gegenteil dienen die Forschungsergebnisse als wichtige Entscheidungsgrundlagen, z.B. für die Ausweisung von Schutzgebieten. In einer immer enger werdenden Welt und einer globalisierten Wirtschaft müssen besonders wichtige Gebiete, so genannte ‚Important Biodiversity Areas’ IBA, erkannt und unter Schutz gestellt werden. Mit Hilfe einer fundierten Forschung die diese IBAs erkennt können durch den Schutz vergleichsweise kleiner Flächen weit über 90% der Arten erhalten werden.

Im Vorfeld der 8.VSK trafen sich 200 Wissenschaftler aus allen Erdteilen zu einem Kongress ‚Biodiversity-The Megascience in Focus“, der von de brasilianischen Regierung und IUBS unterstützt wurde. Die brasilianischen Experten stellten die taxonomie-relevanten Projekte mit ihren regionalen und globalen Vernetzung den Kollegen aus Argentinien, Australien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Mexiko, Peru, Schweiz, Spanien, USA und Venezuela vor. Drei Workshops strukturierten das weite Feld der Biodiversitätsforschung. Der erste Workshop beschäftige sich mit ‚Biodiversität und Systematik’, der zweite mit dem ‚Gerechtem Vorteilsausgleich (ABS) und Bioethik’ und im letzten Workshop stand die ‚Nachhaltigkeit’ im Mittelpunkt der Diskussion. Auf Initiative der Brasilianischen Akademie der Wissenschaften, der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, des Netzwerkes Brasilianischer Naturkundemuseen (Memoria Naturalis) und IUBS diskutierten hoch ranginge Vertreter brasilianischer Ministerien mit den nationalen wie internationalen Gästen.

Den Abschluss fand der Kongress in einer gemeinsamen Erklärung der Teilnehmer zu den behandelten Themen. Diese Abschlusserklärung wurde als so genanntes ‚Information Document’ offiziell in die Texte der 8. VSK aufgenommen (UNEP/CBD/COP/8/INF/46) und ist über die CBD Website frei verfügbar (LINK).

Insgesamt wurden zu den drei Bereichen 27 Empfehlungen formuliert. Für das Gebiet „Biodiversität und Systematik“ umfassen die Kernaussagen die Forderung nach einer Verdopplung der Zahl der Neubeschreibungen und nationalen Inventaren bis 2015, nach dem Ausbau taxonomischer Kapazitäten in den Forschungssammlungen und Museen und der Ausbildung und Anstellung von 10.000 zusätzlichen Taxonomen bis 2020. Für den Bereich ‚Gerechter Vorteilsausgleich (ABS) und Bioethik’ empfiehlt die Erklärung eine Vereinfachung und Beschleunigung der ABS Verfahren, eine wesentliche Vereinfachung der Regulierungen für die Grundlagenforschung, und eine verstärkte Einbeziehung der Wissenschaft in die weitere Entwicklung und Formulierung des ABS Regimes. Die Wissenschaftler sind aufgefordert sich verstärkt in die entsprechenden Verhandlungen einzubringen und durch ihr eigenes Verhalten unter Respektierung aller bestehenden Vorschriften zur Vertrauensbildung beizutragen.